Der Tag beginnt und endet.
Dazwischen schreibe ich.
Also immer!






























Abgetaucht im Frauen-Schlaraffen-Land.
Verursacht doll Glücks-Hormone und leuchtende
Augen.



Klamotten und Schuhe, wohin das Auge reicht. Löst bei allen Frauen sofort diesen Hormon-Rausch aus. Du musst dazu nicht mal shoppen gehen. Wie das geht, erzähle ich dir jetzt. 

Alle Fotos dieses Beitrags: Rüdiger Lutz Fotografie



Was tun bei Panikattacken

Rüdi sitzt neben mir und biegt gekonnt rechts ab. Wir sind unterwegs auf Schwäbisch Halls Straßen. So gesehen, nichts Neues, wir sind in unserer Heimatstadt schon oft zusammen Auto gefahren und rechts abgebogen. Heute ist alles anders, denn wir besuchen Konny. Dazu haben wir unseren Kleinwagen bis obenhin vollgepackt. So viel Fotoausrüstung durch die Gegen zu kutschieren, ist der schon gewohnt. Heute darf er dennoch Premiere feiern und mitsamt der ganzen Ladung Aufzug fahren. Sieht sehr feudal aus, wie das Autochen vom Industrieaufzug in den 2. Stock gefahren wird, um danach mitten hinein in das Frauen-Schlaraffenland zu tuckern. Ich bin entzückt. Wärst du auch, wenn du im riesigen Kostümfundus eines Theaters stehst und ganz genau weißt: Heute darfst du hier alles anziehen, was immer du willst. Dich verkleiden, in andere Rollen und Jahrhunderte schlüpfen, während ein Fotograf das Ganze auch noch festhält. 



Glückshormone, Kälte und Konny


Das Einzige, das meinen Glücks-Hormonen ein bisschen im Weg steht, ist die Kälte. Mir klappern jetzt schon die Zähne. Hier drin ist es affenkalt. Konny, der Fundus-Queen, macht das nix, ist sie so gewohnt, sagt sie. Rüdi wiederum findet, ich solle mich nicht so anstellen. Kann ein in dicker Winterjacke gehüllter Fotograf leicht behaupten, während sein Model eine halbe Stunde nach Ankunft in Unterwäsche inmitten des Schlaraffenlandes rumfriert, um ihr erstes Kostüm überzustreifen.

„Ich komm da nicht rein“, stelle ich sogleich fest. Konny eilt mir schnell zur Hilfe, bevor ich festfriere. Zu Hause habe ich übrigens keine Probleme mit dem selbstständigen Anziehen. Zack, zack und die Klamotten sind am Leibe. Im Schlaraffenland geht so was nicht. Liegt an den Kostümen, die sind echt kompliziert. Ohne Konny, meine Heldin, wäre ich heute völlig aufgeschmissen. Schon beim Aussuchen vorhin zeigte sie sich heldenhaft, da sie die tausenden von Stücke alle in- und auswendig kennt. Nicht nur das, sie weiß sogar millimetergenau, wo welches Kostüm hängt. Für mich ein Wunder, denn ich habe den Durchblick schon in den ersten Sekunden verloren.



Juhu, mein erstes Kostüm sitzt, fehlen nur noch Schuhe

Ich tippele Konny zur Schuhabteilung hinterher und bleibe mit großen Augen im Türrahmen stehen. So viele Schuhe habe ich noch nie gesehen. Nicht mal im Schuhladen. Ich schwöre, hier stehen so viele rum, dass ganz Schwäbisch Hall damit ausgestattet werden könnte. Siegessicher steuert sie inmitten der Massen auf ein Paar zu, das zu meinem Kostüm passt und zu meinen Füßen auch. Rüdi ich komme!



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Er guckt mich mit großen Augen an. Ja, so soll das sein. Die Reaktion gefällt mir prima, die Glücks-Hormone gewinnen Oberhand. Also legen wir mal los. Ich komme mir total wichtig vor, wie ich da in diesem tollen Kostüm vor meinem Fotografen stehe. Fast wie ein Topmodel. Er fotografiert mich von rechts und links und ich gucke dabei immer streng. Wir wollen das so originalgetreu wie möglich handhaben und ich stelle mir halt vor, dass die Frauen Ende des 19. Jahrhunderts wenig zu lachen hatten: Waschen ohne Waschmaschine, kein Whatsapp und dann noch diese komplizierten Kleider.

Da dieser Gefühlsrausch keinesfalls vorzeitig abbrechen soll, bettet mich Konny hurtig in mein zweites Kostüm. Sie beeilt sich dieses Mal mächtig, weil Frauen grundsätzlich zusammenhalten. Daher müssen wir auch gar nicht groß reden, sie versteht mich blind: Die Hormone müssen trotz Kälte in jedem Fall erhalten bleiben, egal wie! Konny ist die beste Anzieh-Helferin auf der Welt und hat die ungefähr tausend Knöpfe an meinem Rücken in Windeseile geschlossen. 



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Ich gucke auch im zweiten Kostüm streng, als Rüdi plötzlich die Kamera weglegt und durch den halben Fundus rennt. Er kehrt mit einem sehr alten Koffer zu mir zurück. Er steht auf alte Koffer, daher hat er sich vom letzten Besuch genau gemerkt, wo die hier geparkt sind. Nicht weit weg übrigens von unserem Auto. Auf den Koffer soll ich mich jetzt setzen. Okay, ist sowieso viel bequemer, da die Schuhe für Kostüm zwei nicht optimal passen. Sie sind eine Nummer zu klein.



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Erneuter Kostüm-Tausch. Dieses Mal sehe ich, puh, richtig herrschaftlich aus. Komme mir vor wie die Queen persönlich. Also schreite ich so königlich wie möglich zum Set hinaus. Dort angekommen, setze mich, wie es sich für eine Hoheit gehört, auf den schon bereit gestellten Stuhl. Hoheitlicher geht kaum. Ein paar Fotos später ist ein weiterer Koffer im Spiel und so eine Art, wie heißt das fachsprachlich? Ein Stock halt. Ich bin mir sicher, dass das Ding einen ebenso herrschaftlichen Namen innehat, den ich trotz umfangreicher Recherche neuzeitlicher Methoden beim Verfassen dieses Textes nicht herausfinden konnte. Konny wird es mir bestimmt noch verraten.



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„Rüdi, beeil dich!“, bitte ich den Fotografen, der vor lauter königlicher Atmosphäre kaum aufhören kann, mich zu knipsen. Nachdem er meine Bitte völlig zu ignorieren scheint, wiederhole ich die Dringlichkeit: „Rüdi, mach hinne, ich muss aufs Klo!“. Was das heißt, kann er nicht wissen. Ich schon. In diesem Kleid unmöglich. Wie die Damen das früher gemacht haben, ist mir ein Rätsel. Das Bedürfnis drückt. Konny gibt alles, um mich nach Shooting-Runde drei so schnell als möglich von diesem Ungetüm zu erlösen, damit ich endlich erlöst werden kann.

Als ich vom Örtchen zum Ort des Geschehens zurückkehre, komme ich zufällig an diesem Glitzer-Frack vorbei. Wow, Glitzer! Wie schön, wenn man als Frau alles kriegt, das man haben will – klamottentechnisch, meine ich natürlich. Ich will jetzt gefälligst Marlene Dietrich sein, also bin ich Marlene Dietrich. Konny eilt quer durch den Fundus, um mir meinen Wunsch zu erfüllen und dem Frack passende Utensilien beizumengen. Yeah, so gefalle ich mir und ich mache daher gleich ein bisschen Show vor meinem Fotografen. Der weiß gar nicht, was in diesen Sekunden gerade passiert. Hä, soll das seine Uli sein? Die, die sonst nie weiß, wie stehen und posieren, wohin dabei mit den Händen und händeringend auf seine Anweisungen hofft? Hey, ich bin Marlene Dietrich, nicht Uli. Sonst noch Fragen? 



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Nach Runde vier und dieser Show-Einlage bin ich echt k.o. Das Schlaraffenland schafft mich. Ich gebe bekannt, dass die Glücks-Hormone leider nicht mehr ausreichen, neue Kräfte zum Fotografieren zu mobilisieren. Konny ist der Meinung, dass ich nicht gehen darf, ohne diesen Walla-Walla-Hut samt passendem Kostüm überzustreifen. Der Hut hat geschätzte zwei Meter im Durchmesser. Gott sei Dank ist er mir zu groß und rutscht mir fast bis zur Nase runter. Sieht witzig aus. Beim Kostüm wiederum ist hintenrum am Popo arg viel los. Da steht irgendwas ab, das ich als eine Art rosa Stoff-Zusammentürmung identifiziere. Konny gibt nicht auf. Sie will einen Walla-Walla-Hut an mir sehen und kramt eine Alternative hervor. Statt zwei Meter ziert nun ein knapper Meter pinke Hutlandschaft meinen Kopf, der sich gegen dieses Ungetüm vehement zu wehren scheint. Außer Erfrierungen und Erschöpfung machen sich sofort Kopfschmerzen breit. Nur diesen Umständen ist geschuldet, dass ich einen geistigen Aussetzer habe. „Rüdi, wie soll ich da jetzt durch die Tür passen?“, rufe ich verzweifelt ans Set hinaus. Mein Fotograf reicht mir seine helfende Hand durch die Tür, zieht mir den Hut einfach aus und nach Durchschreiten wieder auf. Sorry, auf solche einfachen Ideen kann ich in diesem Zustand nicht mehr kommen.



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Es scheint, dass der Hut und ich keine Freunde mehr werden in diesem Leben. Daher hat das Schicksal vorsichtshalber eingegriffen und alle Bilder aus Runde fünf saublöd aussehen lassen. So blöd, dass ich sie dir leider nicht zeigen kann. Außer das hier links vielleicht. Jetzt verstehst du sicher, was ich damit sagen will. Ich bin damit erlöst für heute von Hüten aller Art und auch vor eiskalten Gliedmaßen. Ich benötige zu Hause auch nur eine heiße Dusche, danach ein heißes Fußbad und darauf folgend drei heiße Bettflaschen, um langsam wieder aufzutauen ...



Ein großes Dankeschön an Kornelia Sonntag vom Fundus der Freilichtspiele Schwäbisch Hall für die Mühe und den tollen Nachmittag bei euch. Hochachtung vor deiner Arbeit und wie du den Fundus gekonnt und mit so viel Herzblut im Griff hast. 



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